Unser Wappentier: Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling
Steckbrief
Artname: Dunkler Wiesenknopf-Ameisenbläuling, Syn.: Schwarzblauer Moorbläuling (Phengaris nausithous, Syn.: Maculinea nausithous)
Ordnung: Schmetterlinge (Lepidoptera)
Familie: Bläulinge (Lycaenidae)
Maße: 28-33 mm (Flügelspannweite)
Merkmale: Flügeloberseite: dunkelbraun (Weibchen) bzw. dunkelblau mit schwarzgrauem Rand (Männchen); Flügelunterseite: graubraun mit bogig angeordneten schwarzen Punkten mit hellem Rand
Verbreitungsgebiet: ungleichmäßige Verbreitung von Mittel- bis Osteuropa, wichtige europäische Vorkommen innerhalb Deutschlands (vorwiegend in südl. Hälfte)
Lebensraum: frische bis wechselfeuchte, offene Grünlandlebensräume (Feuchtwiesen, wechselfeuchte Mähwiesen, Gräben, Gewässerränder, extensive Weiden, jüngere Wiesenbrachen)
Schutzstatus: streng geschützt nach FFH-Richtlinie Anhang II und IV, Rote Liste Deutschland – 3 (gefährdet)
Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist nicht immer sicher allein anhand des Aussehens zu bestimmen. Für eine zuverlässige Erfassung sind deshalb neben den Faltermerkmalen vor allem Lebensraum, Flugzeit und Vorkommen des Großen Wiesenknopfs wichtige Hinweise.
Jahreszyklus
Sommer (Juli bis August):
Die erwachsenen Falter fliegen und paaren sich. Die Weibchen legen ihre Eier ausschließlich in Blütenköpfe des Großen Wiesenknopfs.
Nach etwa einer Woche:
Die Raupen schlüpfen und entwickeln sich zunächst in den Blütenköpfen.
Spätsommer (Juli bis September):
Nach mehreren Larvenstadien verlassen die Raupen die Pflanze und lassen sich von geeigneten Knotenameisen in deren Nest tragen.
Herbst und Winter (ab September):
Die Raupen leben im Ameisennest und überwintern dort.
Frühjahr/Frühsommer des Folgejahres (bis Juli):
Die Raupen verpuppen sich im Ameisennest.
Sommer:
Die fertigen Falter schlüpfen, verlassen das Ameisennest und der Zyklus beginnt von vorn.
In Deutschland liegt die Flugzeit meist ungefähr zwischen Ende Juni und Anfang August, wobei erhebliche regionale Unterschiede auftreten können. Die Falter leben nur etwa eine Woche bis rund zehn Tage. Deshalb müssen Paarung und Eiablage innerhalb eines relativ kurzen Zeitfensters stattfinden.
Der Lebenszyklus des Falters gehört zu den ungewöhnlichsten unter den europäischen Schmetterlingen.
Die unscheinbare Art ist auf ein sehr enges Zusammenspiel von Falter, Futterpflanze und Wirtsameise angewiesen.
Gefährdung und Schutz
Warum ist der richtige Mahdzeitpunkt so entscheidend?
Sein spezialisierter Lebenszyklus macht den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling besonders empfindlich gegenüber der Art und des Zeitpunkts der Bewirtschaftung von Wiesen.
Der Mahdzeitpunkt muss folgende Aspekte berücksichtigen:
Werden die Wiesenknopf-Blüten vor der Eiablage abgemäht, fehlen geeignete Eiablageplätze.
Wird während der Entwicklung der Raupen innerhalb der Blütenköpfe gemäht, können die Raupen direkt getötet oder ihre Entwicklungsmöglichkeiten beeinträchtigt werden.
Eine dauerhaft ausbleibende Mahd kann dagegen ebenfalls problematisch sein, weil der Große Wiesenknopf im hohen Gras nicht mehr aufwachsen kann oder sich die Bedingungen für die Wirtsameise verschlechtern.
Es gibt nicht den einen überall gültigen Mahdtermin. Der optimale Bewirtschaftungszeitpunkt hängt von Region, Höhenlage, Witterung, Vegetationsentwicklung und konkretem Lebensraum ab. Fachbehörden empfehlen daher eine regional angepasste Bewirtschaftung.
In unserer Region hat sich eine zweischürige Wiesenmahd bewährt, bei der zwischen 01.06. und 15.09. nicht gemäht oder beweidet wird.
Welche Rolle spielt die Wirtsameise?
Ein häufiger Fehler beim Schutz der Art besteht darin, ausschließlich auf das Vorhandensein des Großen Wiesenknopfes zu achten.
Viele Wiesen können reich an Wiesenknopf sein und trotzdem keine geeigneten Lebensräume für den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling darstellen.
Der Grund liegt bei der Wirtsameise – zumeist die Rote Knotenameise (Myrmica rubra). Unter bestimmten regionalen Bedingungen können auch andere Myrmica-Arten beteiligt sein – Myrmica scabrinodis wird beispielsweise als möglicher Nebenwirt beschrieben. Die genaue Bedeutung einzelner Wirtsarten kann regional unterschiedlich sein.
Sie benötigen bestimmte Bedingungen hinsichtlich Bodenfeuchte, Mikroklima und Vegetationsstruktur. In geeigneten Lebensräumen können insbesondere weniger intensiv genutzte und jüngere Brachestadien eine hohe Nestdichte aufweisen.
Für eine erfolgreiche Population müssen daher Wiesenknopf und Wirtsameisen räumlich ausreichend nahe beieinander vorkommen.
Dabei ist aber auch die Dichte und räumliche Verteilung der Ameisennester entscheidend.
Gefährdungsursachen
Die wichtigsten Gefährdungsfaktoren sind Veränderungen der Grünlandnutzung und des Wasserhaushalts. Dazu gehören insbesondere:
Intensivierung der Landwirtschaft
häufige oder ungünstig terminierte Mahd
starke Beweidung
Düngung
Einsatz von Pflanzenschutzmitteln
Bodenverdichtung durch schwere Maschinen
Entwässerung und Absenkung des Grundwassers
dauerhafte Überstauung
Umbruch von Grünland
Bebauung und andere Flächenverluste
langfristige Nutzungsaufgabe und zunehmende Verbuschung
Mulchen von Säumen und Grabenrändern
Fragmentierung der Lebensräume
Diese Faktoren können entweder den Großen Wiesenknopf, die Wirtsameisen oder den Falter selbst beeinträchtigen. Besonders problematisch ist deshalb eine Veränderung, die mehrere Teile des Lebenszyklus gleichzeitig stört.
Schutz durch angepasste Bewirtschaftung
Ein wirksamer Schutz besteht nicht darin, alle Flächen einfach sich selbst zu überlassen. Vielmehr braucht die Art eine gezielte, zeitlich und räumlich angepasste Pflege.
Wichtige Grundsätze sind:
Erhaltung und Wiederherstellung extensiv genutzter Feucht- und Frischwiesen
Sicherung des Großen Wiesenknopfs
Erhaltung geeigneter Bedingungen für Myrmica rubra
Vermeidung von Mahd während kritischer Entwicklungsphasen
Erhaltung von Säumen und kleinflächigen Brachestrukturen
Vermeidung von Düngung und Bodenverdichtung
Sicherung eines geeigneten Wasserhaushalts
Vermeidung vollständiger Verbuschung
Vernetzung räumlich getrennter Populationen
Dabei ist eine kleinräumige Staffelung der Bewirtschaftung häufig sinnvoller als eine gleichzeitig durchgeführte Mahd großer zusammenhängender Flächen. So können unterschiedliche Entwicklungsstadien und Rückzugsräume gleichzeitig vorhanden sein.
Der Schutz dieser Art erfordert mehr als nur den Schutz der Art an sich. Er muss vielmehr beim Schutz des gesamten ökologischen Lebensraumnetzes ansetzen.
Für eine stabile Population muss der Große Wiesenknopf zur richtigen Zeit geeignete Blütenstände besitzen und die Wirtsameisen in ausreichender Anzahl in der Nähe der Wirtspflanzen vorkommen.
Genau diese komplexe Abhängigkeit macht den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling besonders empfindlich gegenüber Veränderungen seiner Umwelt.
Herausforderungen beim langfristigen Arterhalt
Warum Vernetzung wichtig ist
Populationen des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings können voneinander isoliert sein. Wenn geeignete Lebensräume verschwinden, können lokale Populationen aussterben.
Gleichzeitig ist die Art zwar mobil und kann neue geeignete Flächen erreichen, aber eine Landschaft mit vielen kleinen, voneinander getrennten Lebensrauminseln erschwert den Austausch. Genetische Untersuchungen zeigen, dass Populationen teilweise deutlich voneinander differenziert sind. Eine aktuelle Studie aus Nordspanien fand beispielsweise bei mehreren untersuchten Populationen eine ausgeprägte genetische Struktur und Hinweise auf fehlende Konnektivität.
Für den Naturschutz bedeutet das: Nicht nur einzelne Vorkommensflächen sind wichtig. Ebenso wichtig ist ein Netzwerk geeigneter Lebensräume, zwischen denen zumindest gelegentlich Individuen wandern und sich fortpflanzen können.
Genetische Besonderheiten
Genetische Untersuchungen liefern ein weiteres wichtiges Ergebnis: Populationen von Phengaris nausithous sind nicht überall genetisch gleich.
Untersuchungen in Europa haben mehrere geografisch strukturierte genetische Gruppen nachgewiesen. Für Ostmitteleuropa wurden beispielsweise deutlich voneinander unterschiedene genetische Linien beschrieben. Gleichzeitig zeigen Studien, dass die genetische Struktur der Art eine komplexe historische Entwicklung widerspiegelt.
Das ist für Schutzprogramme relevant. Bei Wiederansiedlungen oder einem künstlichen Austausch von Individuen sollte deshalb nicht grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass jedes Tier genetisch und ökologisch gleichwertig ist.
Klimawandel und zukünftige Verbreitung
Der Klimawandel stellt eine zusätzliche Herausforderung dar. Entscheidend ist dabei nicht einfach, ob ein Gebiet wärmer wird, sondern wie sich Temperatur, Niederschlag, Bodenfeuchte, Vegetationsentwicklung und die Lebensbedingungen der Wirtsameisen gemeinsam verändern.
Frühere und trockenere Sommer können dazu führen, dass der Große Wiesenknopf zu einem ungünstigen Zeitpunkt blüht oder weniger lange geeignete Blütenköpfe bereitstellt. Gleichzeitig können Veränderungen des Bodenwasserhaushalts die Wirtsameise beeinträchtigen.
Auch die Entwicklung des Falters selbst ist temperaturabhängig. Deshalb können klimatische Veränderungen die zeitliche Abstimmung zwischen Falter, Wiesenknopf und Ameise verändern. Modellierungen und aktuelle Forschungsarbeiten gehen davon aus, dass der Klimawandel die heutige Verbreitung und zukünftige Verbreitungsgebiete der Art beeinflussen kann.
Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist weit mehr als ein seltener Schmetterling. Er ist ein außergewöhnliches Forschungsobjekt.
